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Bleiben oder gehen lassen?

Tina.s Hundeblog

 

Die Griechin Jola lebt seit dem 16. Februar 2017 bei uns. Sie ist unser Pflegehund.

 

Wir haben fünf Monate gebraucht, um sie berühren zu können. Sechs Monate bis zum ersten Spaziergang. Obwohl sie eine sehr zarte, liebe Hündin ist, hat sie uns häufig ordentlich gezwickt: Wenn sie sich in die Enge getrieben fühlte, ist sie auf eine verzweifelte Art durchaus wehrhaft.

Ihre Entwicklung war langsam, aber man merkte Jola immer den Willen an, dabei sein zu wollen.

Nun, 15 Monate später, ist sie an einem Punkt, an dem ein ängstlicher Hund normalerweise in Deutschland anfängt. Für Jola ist es weit, aber reicht es, um sie weiterziehen zu lassen? Oder behalten wir sie? 

 

 

Es gibt Argumente für Jolas Weitervermittlung und genauso viele Argumente dagegen.

Tatsache ist: Wir haben Platz für sie. Wir sind (recht) gut für sie. Sie ist gerne bei uns. 

Aber: Wenn Jola gehen würde, gäbe es Platz für einen neuen Pflegehund - so war es ursprünglich gedacht. Immer wieder nehmen wir einen neuen Hund auf, um helfen zu können. 

Wer konnte denn wissen, dass Jola eine so hochgradig traumatisierte und auf Menschen ungeprägte Hündin sein würde; dass sie so lange bei uns bleiben müsste; dass wir ihre Sicherheit, ihr Leben, ihr Horizont werden sollten. 

 

Wir sind in einem Dilemma gefangen.

Ich erinnere mich an den Ethikunterricht meiner Kinder: Da gab es das Thema Dilemmata: Schießt man ein Flugzeug mit 40 Menschen ab, um eine Stadt mit 10.000 Einwohnern zu retten? Verstellt man eine Weiche, um fünf Menschen retten zu können und nimmt dabei den Tod eines Einzelnen in Kauf  ("Trolley Problem")?

 

Sicherlich, unser Problem mag unwichtig scheinen im Vergleich mit obigen Beispielen. Trotzdem geht es uns zur Zeit schlecht: "Opfern" wir unseren einen Hund, um anderen, (vielleicht) zahlreichen Hunden zu helfen? Wir versuchen, die Entscheidung zu rationalisieren: Sie hätte es woanders genauso gut, vielleicht sogar besser. Wir nehmen uns selbst zu wichtig. Ihre Entwicklung könnte in einem neuen Umfeld sogar beschleunigt werden.

Diese Kopf-Argumente sind durchaus gut und dienen unserer Beruhigung. Aber wir glauben, im Herzen zu wissen, dass wir unsere Jola verraten würden, wenn wir sie weggehen lassen. Dass sie die Welt nicht mehr verstehen würde. Dass ihre Entwicklung erst einmal wieder rückwärts, nicht vorwärts gehen würde. Die Seelen-Argumente sehen nur den Schmerz, den wir bei ihr anrichten würden (aber diese Emotionalität ist eine menschliche, das weiß ich).

Andererseits verraten wir mit Jolas Bleiben die anderen Tierschutz-Hunde, die zu uns kommen könnten. Auch das ist mit Schmerz verbunden, aber diese Hunde sind erst einmal anonym und ich kann mich leichter distanzieren. Leider kenne ich zu viele, für die eine Pflegestelle lebensrettend sein könnte. So, wie sie es für Jola gewesen ist. 

 

Egal, wie wir uns entscheiden, die Entscheidung hat immer schwerwiegende Konsequenzen. Für Jola, für die anderen Hunde oder auch für uns - es ist immer falsch. Es scheint für uns nur eine leichtere oder schwerere Entscheidung zu geben, von denen wir nicht wissen, welche die richtigere oder falschere ist.

Das ist unser Dilemma.

 

Bis zum nächsten Mal.

Tina.

 

Ich bin hundeerfahren und hundebelesen, aber keine Hundefachfrau. Der Blog gibt meine eigene Meinung wieder und erhebt keinen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit. 

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Kommentare: 5
  • #1

    Katarina Weischert (Samstag, 12 Mai 2018 12:04)

    Ach je, das ist natürlich nicht einfach. Hoffentlich wisst ihr, das ihr niemanden verratet, wenn ihr Jola behaltet. Es gibt immer mehr Hunde und ihr könnt leider nicht allen helfen, keiner von uns kann das auch wenn wir das gerne wollen. Hoffentlich findet ihr eine gute Lösung mit der ihr gut leben könnt

  • #2

    Friederike Radax-Auner (Samstag, 12 Mai 2018 20:26)

    Ich habe euren Beitrag mit sehr viel Interesse gelesen. Prognose vermeide ich aus dem Grund das kein Tier dem anderen ähnlich ist. Wenn jemand soviel Herz und Substanz in ein Tier steckt dann ist die Entscheidung mehr als schwer. Versuchen ? Einen Platz finden wo man den Bedürfnissen von Jola gerecht wird ? Schon möglich. Aber wenn es nicht klappt dann ist es möglich das ein Rückschritt erfolgt und ihr nochmals von vorne anfängt. Diese Entscheidung kann euch wirklich niemand abnehmen - ich würde mal sagen horcht auf euer Herz und das berühmte Bauchgefühl.

  • #3

    Angelina Colakoglu (Samstag, 12 Mai 2018 20:26)

    Wenn die richtigen Menschen für den Pflegehund kommen, dann kann man sie gehen lassen.
    Es ist immer mit Schmerz verbunden denn man steckt viel Liebe hinein und loslassen ist immer ein Abschied. Ich sehe zuviele Tiere in Not die Hilfe brauchen und ihre Gesichter sind für mich sehr present.
    Gute Pflegestellen sind heut zu Tage rar.
    Aber das muss jeder für sich selber entscheiden.
    Lg Angelina Colakoglu

  • #4

    Araco (Samstag, 12 Mai 2018 21:45)

    Auch wir sind bei Araco Pflegestellenversager geworden, haben jetzt 3 Fellnasen und nun trauen wir uns nicht mehr.. � �

  • #5

    Tina vom Blog (Samstag, 12 Mai 2018 23:14)

    Ja, Jola ist unser 4. Hund und deshalb sind wir nur eine gute bis sehr gute Stelle für sie, würde ich sagen. Die tollste Stelle wäre mit einem anderen Terrier, der genauso verspielt ist wie sie und wo die Leute eben noch ein bisschen mehr Zeit hätten, auf sie ganz individuell einzugehen. Aber sie könnte eben auch dort landen, wo Menschen zu viel von ihr erwarten ... Danke für Eure guten Worte - in jedem Kommentar finde ich meine eigenen Gedanken wieder!